Die Legende (so oder so ähnlich)
Wäre ein machtverliebter alter Mann mit Minderwertigkeitskomplex nicht so grausam und ungerecht gewesen, hätte es den Jakobsweg vielleicht gar nicht gegeben.
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| Quelle: Wikipedia |
Herodes Agrippa war kein Guter! (Wir kennen das heute nur all zu gut) Ein Psychopath aus einer machtgeilen, rücksichtslosen Familie tyrannisiert sein Volk und hält die Welt in Atem. Agrippa’s Großvater ließ aus Angst vor einem Säugling, welcher gemäß Prophezeiung, ein „neuer König der Juden“ werden sollte, unzählige unschuldige Kinder abschlachten. Auch in seiner eigenen Familie zögerte er nicht, allzu ehrgeizige Exfrauen hinzurichten, sogar einige seiner Söhne mußten daran glauben - darunter Agrippas Vater. (Da können sich die heutigen alten weissen Möchtegernimperatoren noch etwas abschauen, aber bringen wir die mal nicht auf dumme Ideen).
In Herodes’ Clan intrigierten Brüder gegen Brüder, wurden Frauen wie Spielzeug getauscht, gerne auch mal geköpft, wenn sie ihrer überdrüssig waren. Konkurrenten wurden aus dem Weg geräumt, die Seiten je nach Opportunität gewechselt, und alle liebten es ihre Untergebenen zu terrorisieren. Agrippa behielt diese Familientraditionen bei und erkor niemand geringeren als den römischen Kaiser Caligula (auch kein Guter) zu seinem best Buddy.
Eine Schande, denn die Herodes’ waren Visionäre, in Organisation und Städtebau ihrer Zeit voraus. Sie errichteten den Vorzeige-Hafen von Cesarea und bauten den Tempel von Jerusalem nach dem verheerenden Erdbeben von 31 v. Chr., welches tausende Tote forderte und die Stadt zu einem Geröllhaufen reduzierte, wieder auf.
Agrippa war anerkannt für die Ordnung und Infrastruktur die er in seinem Königreich etablierte, wenn auch mit eiserner Hand. Was das Erlassen von Gesetzen anging war er ein wahres Genie. Dennoch konnten die Herodeses ihrem Minderwertigkeitskomplex nicht entkommen.
Agrippa erbte einen gewaltigen selbstzerstörerischen Minderwertigkeitskomplex. Er kam aus dem „buckligen“ Teil der Familie, in der Nachfolge seines allmächtigen Großvaters, Herodes dem Großen, weit hinten angesiedelt. Verbissen arbeitete er daran sich seiner vorgereihten Cousins zu entledigen, biederte sich den Mächtigen in Rom an und tat alles um sein Ansehen unter der jüdischen Bevölkerung zu steigern. Es war ein Tanz auf dem Vulkan, sein aggressives Tantrum zu zügeln und die Contenance zu wahren, während sein Geduldsfaden gegenüber all jener, die sich seinen Ideen in den Weg stellten, immer dünner wurde.
Jesus und Jakob der "Donnersohn"
Eine Gruppe die seinen Groll besonders erregte war eine kleine Sekte aus Galilea, bekannt als Christen, deren Führer, ein Typ namens Jesus, kurz zuvor auf Befehl des römischen Gouverneurs Pontius Pilatus gekreuzigt wurde.
Nach der Kreuzigung verfolgte Herodes besessen Jesus’ Jünger, bis einige von ihnen eiligst das Weite suchten. Einer der entflohenen Apostel, Jakob d. Ä. strandete im äussersten Winkel Spaniens, wo er sich als Missionar versuchte. Er war fest entschlossen jeden zu bekehren der nicht bei 3 am Baum war, ob Iberer, Kelte, Römer, Baske, oder Maure - jeden, der nur im geringsten in Erwägung zog, sich dem Kreuz zu unterwerfen.
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| Jakobus predigt in Spanien Padron, Santiago Kirche |
Sein Erfolg ließ zu wünschen übrig. Man berichtete, er sei aufdringlich, polternd und taktlos und eine regelrechte Landplage gewesen.
Er hatte von jeher ein aufbrausendes Gemüt. Wie im Evangelium nach Matthäus zu lesen ist, nannte Jesus selbst Jakobus und dessen Bruder Johannes „Donnersöhne“. Man stelle sich vor was Jesus sich dabei gedacht hat, als er Jakobus und Johannes unter seine Fittiche nahm? Es ist schwierig sich noch weniger passende Zwei in einer „Liebe deine Feinde“- Religion vorzustellen, aber Jesus zog solche Typen an, und tut es immer noch.
Jakob und Johannes taten sich besonders unrühmlich hervor, als Jesus und seine Jünger in einer samaritanischen Herberge abgewiesen wurden, hatten die beiden den grandiosen Vorschlag den Ort aus Rache abzufackeln. Jesus erklärte ihnen geduldig, dass solche Aktionen nicht gerade seinem Mission Statement entsprächen. Als Jesus seine 12 Apostel zu einem feuchtfröhlichen Gelage lud, verlangten die Beiden frech Ehrenplätze links und rechts von ihm - und das auch gleich für alle Zeit im von ihm verhiessenen Himmelreich. Freilich fanden die anderen Apostel das nicht so fein und sie kamen sich alle gewaltig in die Haare über die Sitzordnung und Jesus' Wohlwollen. Jesus, ganz der Diplomat, regelte das mit der feinen Klinge: er sagte „Wer führen will, muß allen dienen“ und schickte die beiden erstmal zum Tisch decken.
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| Johannes und Jakob zur Linken und zur Rechten Jesu Leonardi Da Vinci "Letztes Abendmahl" (Detail) |
Obwohl Jakob und Johannes zu Jesus’ inneren Circle gehörten, und in Schlüsselmomenten häufig mit ihm unterwegs waren, kommen sie in den Evangelien eher wie „Beavis und Butthead“ der Gruppe rüber. Bestimmt mußte Jesus sich des Öfteren auf den Kopf greifen, wenn er mit ihren minderbemittelten Ideen und Auszuckern konfrontiert war. Den Tiefpunkt ihres Verhaltens erreichten die Beiden, als Jesus sie und Simon Peter mit in den Garten Ghetsemane als moralische Unterstützung mitnahm und bat wach zu bleiben um ihm in der schweren Stunde beizustehen. Während er Gott anflehte sein Leben zu retten, ihn zu erlösen, nickten die Drei wiederholt einfach weg. Ihr Benehmen verdient schwerlich Premium Plätze im Himmelreich.
Jakobs Mission in Spanien
Vielleicht war es ein später Versuch sich würdig zu erweisen und von seinem Versagen zu rehabilitieren, als Jakob nach Jesus’ Abgang nach Spanien ging. Was es auch war, er tat offenbar Alles um es zur „Mission Impossible“ zu machen. Er bemüssigte sich nicht regelmäßig Bericht zu erstatten und Verzeichnisse zu führen, er schrieb keine Briefe, formulierte keine Predigten und fand es auch nicht der Mühe wert Memoiren über sein Leben an der Seite Gottes Sohns zu verfassen. Weshalb es heute an Nachweisen seiner Tätigkeit auf der iberischen Halbinsel im Westen Europas fehlt.
Nach 10 Jahren bescheidenen Erfolgs in Spanien faltete Jakob einfach sein Zelt zusammen, und schipperte zurück nach Jerusalem. Sein Erzfeind Agrippa war durch seine Spitzel bereits über seine Heimkehr informiert und ließ ihn direkt am Stadttor verhaften und kurz darauf einen Kopf kürzer machen, was Jakob die zweifelhafte Ehre brachte, der erste Märtyrer unter Jesus’ Apostel zu sein.
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Hinrichtung Jakobus, Veit Stoss (1447-1533) |
Funfact: Herodes Agrippa starb noch im selben Jahr wie Jakob; sein Reich fiel an das Römische Reich.
Jakobs Mischpoche sammelte seine sterblichen Überreste zusammen und legten sie in ein Steinboot (!), welches der Legende nach, von Engeln in Spaniens äußersten Winkel überführt wurde, wo seine spärlichen Jünger ihn auf freiem Feld beisetzten.
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| Überführung im Steinernen Boot Padron, Santiago Kirche |
Funfact: Der Lateiner nennt die Überführung Jakobs Gebeine „Traslatio“ („übersetzen“ - nautisch oder linguistisch) und deren Entdeckung „Inventio“ („auffinden“ bedeutet aber auch „erfinden“). Die Story ist also nicht gelogen, nur eben so „übersetzt“ und „erfunden“.
Fast Foreward um 800 Jahre
Die Entdeckung
Eines Abends als ein spanischer Einsiedler namens Pelayo auf jedem Feld seinen Schafen beim Grasen zusah, blendete ihn plötzlich eine „Sternenexplosion“ direkt über seinem Kopf. Dabei schien ein heller Strahl eines einzelnen Sternes auf eine bestimmte Stelle zu weisen, und da Pelayo nichts besseres zu tun hatte, folgte er dem Licht. Er stolperte über die Überreste einer antiken Gruft in der er drei Leichname fand. Er eilte unverzüglich zu den Dorfältesten und berichtete von seinem Fund.
Sofort eilten der hiesige Gouverneur, der Bischof und der König selbst herbei und schlossen einstimmig, dass es sich bei dem Steinhaufen um Jakobs und das seiner beiden Jünger, Anasthasius und Theodorus, Grablege handeln müsse. Schließlich war der Kopf eines der Leichname abgetrennt, zudem war praktischer weise ein Schildchen darüber mit dem eindeutigen Hinweis: „Hier liegt Jakobus, Sohn des Zebedäus und Salome“.
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| Entdeckung des Grabes Codex, Tumbo A |
Bingo! Die Herren konnten ihr Glück kaum fassen: die Überreste eines echten, ehrlich-herrlichen Apostels Christi, auf Spaniens Erde gefunden! Bevor man noch „Himmel, Herrgott, Sakrament“ sagen konnte, war die Stätte als heiliger Ort deklariert und Alfonso II, „der Keusche“, der König Asturiens und Galizien, befahl eine Kapelle darüber zu errichten, ein würdiges Denkmal für Spaniens brandneuen Adoptivsohn. Um die neue Kirche schoss eine kleine Stadt aus dem Boden und bis zum 10 Jhdt. schien der Ort in Schiften und Dokumenten als „Santiago de Compostela" auf. (Iago ist Spanisch für Jakob und Compostela kommt von campus stellae - Sternenfeld)
Die Marketingstrategie
Das Timing hätte nicht besser sein können. Das christliche Spanien war von den Mauren umzingelt und Spaniens Mächtige rechneten sich aus, dass solch ein christliches Mekka doch selbst von Allahs Horde verschont werden würde.
Sie hatten jedoch ihre Rechnung nicht mit den Mauren gemacht, diese brachen gnadenlos die Verteidigungslinien und legten 997 n. Chr. Santiago de Compostela in Schutt und Asche. Die Christen, liessen sich nicht unterkriegen und begannen umgehend mit dem Wiederaufbau.
Krieg war aber nicht der einzige Grund, Jakob einen Schrein errichten zu wollen: Der Totenkult war im mittelalterlichen Spanien, eigentlich in ganz Europa, eine große Sache und Reliquien waren eine mächtige Währung.
Für gutgläubige Christen war der Anblick der Knochen eines Heiligen wie Gott selbst zu begegnen. Für die Kirche waren die Gebeine eines A-Heiligen zu besitzen ein regelrechter Lottogewinn. Jakob wurde per sofort in den Rang eines Landespatrons Spaniens erhoben und seine umfassende Rehabilitation in Gang gesetzt. Jakob wurde das Maskottchen der Reconquista und führte nunmehr die christliche Kriegsmeute als „Matamoros“, maurertötender Krieger auf dem weißen Pferd, gegen die Ungläubigen an.
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| "Santiago Matamotos" (Gebrüder Asam) Innsbrucker Dom, Deckenfresko, Detail |
Der Jakobsweg
Die grandiose Entdeckung sprach sich rasch herum, und die Gutgläubigen aus aller Welt, Sünder und Büßer, Bigotte und Ketzer, Priester und Knaben, Huren und Nonnen, Verbrecher und Heilige, Bettler und Adlige, Könige und sogar Kaiser, Händler und Räuber, Opportunisten und Wegelagerer, Neugierige und Herumtreiber, Beutelschneider und Samariter, Barfüßige und Eitle, von da an und in alle Ewigkeit, pilgern in Scharen zum goldenen Schrein.
Pfade wurden durch ganz Europa gezogen, um sich im französischen Dörfchen Saint Jean Pied de Port zum Trampelpfad ins Sternenfeld zu vereinigten. Von da schlängelt sich die Strasse durch die Pyrenäen und verläuft durch den Norden Spaniens bis an die galizische Küste am westlichen „Ende der Welt“. Eine neue Pilgerroute war geboren, und für die nächsten 700 Jahre, war das vermeintliche Jakobsgrab das christliche Mekka Nr. 1. Santiago übertrumpfe die beiden anderen christlichen Pilgerziele, Jerusalem und Rom, in Glanz und Glorie.
Man kann also mit Fug und Recht behaupten, wir haben es König Herodes Agrippa zu verdanken, dass er den Stein ins Rollen gebracht hat, als er Jakob zum ersten Märtyrer machte und sich damit unsterblich, denn wer würde sonst noch von ihm sprechen?
Und der katholischen Kirche verdanken wir die haarsträubende Erfindung des Jakobskults im Allgemeinen und den heutigen Pilgerhype im Speziellen.
Aber ohne Pilger kein Jakobsweg!
(Die Hoffnung auf späte verheißungsvolle Errungenschaften aktueller politischer Misswirtschaft im aktuellen Weltgeschehen lebt also).
Ultreya!








