Literaturnobelpreis für eine Pilgerin: Anne Carson

Anne Carsen (*1950), Kanadierin, Professorin für klassische Philologie, Autorin, Lyrikerin und  Pilgerin!

Nobelpreisträgerin für Liertatur 2026

Anne Carson, Pilgrim

MLA style: Anne Carson – Facts – 2026. NobelPrize.org. 
Nobel Prize Outreach 2026. Wed. 14 Oct 2026. 
<https://www.nobelprize.org/prizes/literature/2026/carson/facts/>

1983 ist sie den Jakobsweg von St. Jean Pied de Port bis Santiago de Compostela gegangen und weiter nach Finisterre gefahren. Ihre Eindrücke und Assoziationen zum Weg hat sie in Ihrem Buch "Plainwater" ("Anthropologie des Wassers") verarbeitet.

"Eine lyrische Zeitreise - Die kanadische Weltpoetin Anne Carson buchstabiert unsere Gegenwart nach dem Modell der Antike." (Die Zeit, 16.12.2019)

(Dt. Übersetzung von Marie Luise Knott "Anthropolgie des Wassers" Verlag Matthes und Seitz, 2014)  

Buchcover (Deutsch, Englisch, Spanisch)

"Ausgangspunkt und Basis ist der Roman „Anthropologie des Wassers“ (Berlin, 2014) der kanadischen Autorin Anne Carson*. In kurzen Prosastücken entwirft sie Bilder „in denen sich das ewige Staunen über das Leben und die Verschiedenheit von Mann und Frau mit intensiven, mitunter surrealen Landschaftsbildern mischen.“ (Klappentext*) 

Die Deutsche Ausgabe "Anthropologie das Wassers" (2015, übersetzt von Marie Luise Knott) besteht nur aus diesem Teil, dieser wiederum setzt sich aus drei Reisetexten im Stile eines Reisetagebuchs zusammen. Es geht weniger um Wasser als um Bewegung, ums Gehen am Jakobsweg, Fahren - ein Roadtrip in den Rocky Mountains und ums Schwimmen - ein fiktiver Tagebucheintrag.

"Eine Frau und ein Mann pilgern auf dem Jakobsweg. Ein anderer Mann und eine andere Frau oder sind es dieselben? reisen durch die Rocky Mountains nach Los Angeles. Ein Schwimmer erobert sich einen Waldsee. Erkundungsreisen, in denen sich das ewige Staunen über das Leben und die Verschiedenheit von Männern und Frauen mit intensiven mitunter surrealen Landschaftsbildern mischen. Inspiriert von der Kunst des Haibun, dessen erzählerische Kraft in aller Schlichtheit unmittelbares Erleben mit Gedankenbildern berühmter Dichter und Mönche aus vergangenen Zeiten in Einklang setzt, erkundet die große Lyrikerin Anne Carson die Kraft der suchenden Bewegung. Ihre Worte und Gedanken fließen, sprudeln, rauschen und stauen sich, hüpfen und verlieren sich wieder. Die intensiven Momentaufnahmen, in denen Carson ganz nebenbei eine Anthropologie der Geschlechter unternimmt, offenbaren die Spannweite der Dichterin: die Klangkraft ihrer Poesie, die erzählerische Konkretion der Prosa, den subtilen Humor und den Atem des Denkens." (Buchbeschreibung des Verlags)

Reiselektüre auf ganz andere Art, lyrisch, philosophisch, geheimnisvoll, ironisch, faszinierend. Ich bin kein Lyrikfan aber diese Texte verführen tatsächlich auch solch Banausen wie mich. Es kommt mir vor als würde sie meine eigenen Eindrücke und Erkenntnisse vom Gehen am Jakobsweg in ihre, ganz eigene, kunstvolle Sprache hüllen. 

Bereits 1987 veröffentlichte sie den Essay "Wasserarten - ein Versuch über den Jakobsweg". Schon da verwob sie verschiede Literaturstile, altgriechische Verse, japanische Zitate und moderne Lyrik in einen Essay. Wobei der Essay weniger sachlich daherkommt als poetisch. 

"Zwei Gestalten auf der Meseta laufen langsam über eine Tafel ais Gold. Mit ausgestreckten Armen und offenen Mündern. Zwei kleine, ineinander verfangene Tiere heulen gen Finisterre."


Inspiriert von ihrer eigenen Jakobswegpilgerschaft liefert sie ein poetisches Tagebuch: Jede Etappe wird von Zitaten eingeleitet, neben Machado hauptsächlich japanische Dichter. Es sind weniger Reiseberichte im eigentlichen Sinne als eine Verknüpfung von Eidrücken, Gedanken, Fragen, Emotionen und Weisheiten, gehüllt in leichtfüssige poetische Zeilen. Widersprüchlichkeit, ein Nebeneinander alter und moderner Dichtkunst, Ernst und Nonsene, pointierte Analytik und lyrische Sprache zu einem Ganzen zusammengefügt. Eine poetische Collage aus historischen Details, Landschaftsbeschreibungen, wiederkehrender Wassermetaphorik, Tieranalogien, Tagträumen und Sinnesfragen. Ihre Übersetzerin, Marie Luise Knott, nennt diese Art zu Schreiben "Assoziationsnetze".

So ist es unmöglich einfach eine Zusammenfassung des Essays wiederzugeben. Es geht um die Sprache nicht den Inhalt, wie es um den Weg geht und nicht um das Ziel. Daher muß ich mehr zitieren um das Wesentliche nicht zu verlieren. In der Originalsprache. Inspiriert von ihrer eigenen Jakobswegpilgerschaft liefert sie ein poetisches Tagebuch: Jede Etappe wird von Zitaten eingeleitet, neben

"Plainwater" by Anne Carson (Erstausgabe 1995, Englisch)

Teil V "Anthropolgy of Water" Kapitel "Kinds of Water"  

"An Essay on the Road to Compostela" 

(S. 149-205; First Vintage Contemporaries Edition, March 2000)*

Die Ich-Erzählerin wandert in Zwiesprache mit ihrem Begleiter, den sie der Einfachheit halber "El Cid" nennt, entlang der Pilgerroute in Nordspanien. Vor allem der weiten, heissen, eintönigen Meseta entspringen ihre Assoziationen.

"El Cid" liefert die historischen Details von den Atributen mittelalterlicher Pilger über die Bedeutung der einzelnen Orte im Mittelalter und die Traditionen des Pilgerwegs.
Sie philosophiert, spielt mit Allegorien über das Leben und den passierten Monumenten. 
Sie beobachtet die Dynamik des Pilgerns: "man wird süchtig nach dem Horizont, trotz aller Qualen kann man nicht aufhören zu gehen." 

solvitur ambulando

Pilger waren Leute, die Dinge lösten während sie gingen. 

"On the road you can think forward, you can think back, you can make a list to remember to tell those at home"

Pilger werden süchtig nach dem Horizont.

"It is an open secret among pilgrims and other theoreticians of this travelling life that you become addicted to the horizon". 

Pilger haben eine Agenda. 
Wann zerbricht der durchschnittliche Pilger an der Einsamkeit? 
Nebeneinander gehen und reden ist besser als Face to Face Gepräche.

"I am a pilgrim (not a novelist) and the only story I have to tell is the road itself. Besides, no one can write a novel about a road, any more than you can write a novel about God. [...] I think it is true to say of the road, and olso of God, that it does not move. At the same time, it is everywhere. It has a language, but none I know. It has a story, but I am in it. So are you, And to realize this is a moment of some sadness. When we are denied a story, a light goes off".

Was ist ein Pilger, wenn er den Camino verläßt?

"There is an ancient tradition: the afterlife of a pilgrim is three ways a shame. Never hungry again. He will eat and eat and taste nothing. Never free again, according to the terms of the fredom he finds while bound to the road. Never angry again, with that kind of rage  that scorches two animals ensnared on the Meseta."

Das Leben fühlt sich nie so langsam und verzweifelt an, wie an diesem Tag in der Meseta.

"Walking across the top of the world. Hours give no shade. Wind gives no shade. Sky does not move. Sky crushes all that moves."

Es ist eine fast perfekte Liebesgeschichte zwischen dem Pilger und dem Weg.

"It is a beautiful thing, the camino. It stretches away from you. It leads to real gold: Look at the way it shines. And it asks only one thing. Which happens to be the only thing you long to give. You step frward. You shiver in the light. Nothing is left in you but  desire for that perfect economy of action, using up the whole heart, no residue, no mistake: Camino. It would be as simple as water, wouldn't it? If there were any such thing as simple action for animals like us."

"It takes a long time to arrive from not very far away." 


Monte do Gozo - der Berg der Freude. Wo man zum ersten mal die Kathedrale am Horizont erahnen kann. Die Freude über die Ankunft. 

"While for my part I feel I have broken in half. Every pilgrim hits the mark on his own way." 

Sie kommen am höchsten Feiertag in Santiago an: dem Jakobstag, dem 25. Juli. Sie sind geblendet von der goldenen Facade der Kathedrale, der Herrlichkeit Meister Mateos Portico de Gloria. 

"That was an act of grace. An entrance is important to a pilgrim: there can be only one."



Sie absolvieren die üblichen Pilgerrituale**: Hand in die Vertiefung der Säule Jesse, der Kopfstoss mit dem steinernen Mateo dahinter, der Besuch der Gruft und die Umarmung des Edelstein besetzten Apostels über dem Altar. Nachts bewundern sie mit zwanzigtausend anderen das bombastische Feuerwerk auf der Plaza de Obradoiro. 

"Fireworks are always now, aren't they? like human love. ¡Corazón arriba!"

Am regnerischen Morgen besuchen sie Messe zu Ehren des heiligen Jakobus d. Ä. In der Kathedrale, in Prunk und Glorie, bekrönt vom Flug des Botafumeiro durch das Querschiff.

"That solid-silver asteroid is the botafumeiro [...] in great fujing swerves that carry our prayer upm to God and drown the stench of new hearts as they burn below."

"Just as no mountain ends at the top, so no pilgrim stops in Santiago"

Weiter nach Finisterre, Auch wenn der Pilger bei der Ankunft in Santiago de Compostela endlich ankommen will und rasten möchte zieht es ihn weiter westwärts ans Ende der Welt.

"Time is a road. Time to go to Finisterre."



Dieser Punkt am äußersten Ende Europas, ein Ort zu dem schon die Kelten gepilgert sind, hunderte Jahre vor der Geburt Jakobs. Sie fahren mit dem Mietwagen. Warum? "Weil da das Gold ist, die Tage länger, Gold, mehr Gold und noch mehr Gold. Zeit ist Gold. Wenn man nicht vom Rand herunter fällt. Manche Pilger fallen, andere nicht." sagt "El Cid".

"How is a pligrim like a No play? His end is not the point. And yet it is indispensible, to the honor and to the shame."

Was ist da? am Ende der Welt? Nichts, außer dem Ende der Welt. Nebel. Nichts. Ein abruptes Ende des Weges. Es geht nirgendwo weiter. Und doch sind wir nicht am Ende angelangt.

"Shall we go back?"

Dichter Nebel. Null Sicht. Wir sind verloren. korrigiere, ich bin vrerloren. Ich schaue mich um. Da ist niemand ausser mir. Und da ist kein Weg.

"¡E ultreja e sus eja Deus adiuva nos!"

Pilger waren Leute im wissenschaftlichen Exil.
Pilger waren Leute die sich fragten: wenn soll ich jetzt treffen?
Pilger waren Leute mit simplen Rezepten.
Ein Pilger ist einfach gestrickt. In jedem steckt ein Fragezeichen.
Pilger waren Leute von Welt.
Pilger waren Leute die versuchten die Einheimischen nicht zu belästigen.
Pilger waren Leute die Messer bei sich hatten aber selten Gebrauch dafür hatten.

*Der original Text in Englisch findet man kostenlos Internet als pdf  (archive.org , scribd) und; pdf auf docdroid

** als man das noch konnte, inzwischen kommt der einfache Pilger nur noch im Rahmen voraus gebuchter, geführter Touren und unter strenger Einhaltung des Fotografierverbots zum Portikus. Heute betreten die Pilger dir Kathedrale durchs Seitenschiff."



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