Wortklauberei: Botafumeiro - Tiraboleiros

Bo•ta•fu•mei•ro  [bəˈvaɪ̯ˌʁɔɪ̯çɐn] galicisch „Räucherkessel“ - Weihrauchfass (lateinisch Thuibulum). Das größte Weihrauchfass der Welt, und eine der Hauptattraktionen in der Kathedrale von Santiago de Compostela und Objekt der Sehnsucht der meisten Pilger und Besucher. Etwa 1,50 m hoch  und  ist 53kg schwer, er besteht aus versilbertem Messing an einem 66m langem Seil in 20m Höhe in der Hauptkuppel vor dem Hauptaltar aufgehängt. Der Mechanismus stammt aus dem 16. Jhdt. von Juan Bautista Celma und besteht aus einem Eisenrahmen und 2 Holztrommeln, der es erlaubt den Kessel mit dem Seil zu bewegen und von 8 Männern - den Tiraboleiros - durch das Querschiff bis knapp unter die Decke der Kathedrale schwingen zu lassen.



Dieses große Weihrauchfass, bzw. das Vertreiben des Weihrauchs symbolisiert den wahren Glauben, das Aufsteigen der Gebete der Pilger zum Allerheiligsten und die spirituelle Reinigung . 
 „Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet von dir auf“ (Psalm 141.2)
„So wie der Duft die gesamte Basilika erfüllt, soll auch die Liebe Gottes und der Glaube der Christen ihr Leben und die Gesellschaft durchdringen“.

Der profane Zweck

Eine wesentlich pragmatischere Zweckmäßigkeit des großen Weihrauchfasses war eine ganz andere: während der Pilgermessen im Mittelalter diente der Weihrauchnebel vor allem der Desinfektion und Duftkorrektur der Pilger selbst, die meist während der gesamten Pilgerreise sich weder gewaschen noch die Kleider gewechselt haben. (Damals war es Brauch sich vor der Ankunft in Santiago, in Lavacolla - lat. „Lavamentula“ im Codex erwähnt - benannt nach der dortigen Waschung gewisser Körperteile, im Fluß zu reinigen und am Dach der Kathedrale, beim „cruz de farrapos“ - dem „Kreuz der Lumpen“ - die Kleider zu  verbrennen. Bedürftige Pilger erhielten von den Mönchen neue Gewänder). Die Pilger durften damals auch in der Kathedrale nächtigen, wobei ein  strenger Geruch entstand weshalb ein derartig großer Weihrauchkessel notwendig war.



Die Geschichte des Weihrauchfasses

Zum ersten Mal erwähnt wurde der große Weihrauch Kessel im Codex Calixtinus im 11. Jhdt. als „Turibukum Magnum“. und war bis ins 16.Jhdt. in Verwendung. Der größere Botafumeiro wurde 1554 vermutlich von König Ludwig XI von Frankreich gestiftet und bestand aus purem Silber. Die Aufhängung mit dem aufwändigen Mechanismus wurde 1604 installiert. Der Silberkessel wurde 1809, während des spanischen Unabhängigkeitskriegs, wahrscheinlich von Napoleons Truppen geraubt. Ersetzt wurde er durch einen Eisenkessel. Der heutige Weihrauchkessel, aus versilbertem Messing, wurde im Jahr 1851 vom Goldschmied José Losada angefertigt.

der Ersatz Botafumeiero von 1971
im Kathedralmuseum, Kapitelsaal, Bibliothek

1971 wurde dem Apostel eine Kopie dieses Botafumeiro aus Alpaca-Silber, von den Reservelieutnants als „Backup“ gestiftet und ist im Kapitelsaal im Kathedralmuseum zu besichtigen (tatsächlich steht er dort ungeschützt aber unter Fotografieverbot, in der Ecke der Bibliothek). Im Rahmen der Restaurierung 2006 durch Luis Molina Acedo wurde er neu versilbert und das Gewicht damit auf 62kg erhöht. Das Seil wurde gleichzeitig durch eines aus synthetischen Materialien von 65,5m und einem Gewicht von 90kg ersetzt (zuvor wurden Hanfseile verwendet).

Eine weitere Replik in Originalgröße ist in einem Schaufenster eines Souvenirgeschäfts in der Altstadt (Rua do Franco 18) ausgestellt, wo man ihn berühren und auch fotografieren kann. Dort werden auch kleinere Repliken als Andenken verkauft, in 3 Größen. 

Souvenir-Shop "Botafumeiro"
Rua do Franco 18


Der Einsatz

Der Botafumeiro wird mit etwa 400 Gramm Holzkohle gefüllt und anschließend mit festen Knoten an einem langen Seil befestigt, das bis zur Decke des Gebäudes reicht. Mithilfe einer Winde wird er entlang des Querschiffs der Kathedrale bewegt. Er erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 68 km/h, wenn er durch das Querschiff der Kathedrale schwingt, von der Puerta de la Azabachería zur Puerta de las Platerías. Dabei beschreibt er einen Bogen von 65 m und erreicht eine maximale Höhe von 21 m (ein Winkel von 82°). 17 vollständige Schwingungen sind nötig, um diese maximale Höhe zu erreichen .

der Botafumeiro in der Ruheposition 
am Seil in der Kuppel auf 20m Höhe 
darüber die Spule und die Aufhängung.

Der Kessel kommt am Anfang (während der Prozession an bestimmten hohen Feiertagen) oder am Ende des Hochamts (Pilgermessen) zum Einsatz. Er wird von acht Männern erst herab gezogen, vom Bischof, oder dem die Messe führenden Priester, mit dem Weihrauch gefüllt (auf die glühenden Kohlen), vom größten der Tiraboleiros in die richtige Richtung angestossen und von allen acht Kesselschwingern an jeweils einem Seil, das am Hauptseil befestigt ist, in Schwingung versetzt um mit ca. 65 km/h durch das Querschiff bis knapp unter die Decke zu „fliegen“. Der erste Tiraboleiro gibt dabei die Geschwindigkeit vor und fängt ihn am Ende der Zeremonie wieder am Boden ein. Am Tiefpunkt der Kreisbahn berührt er beinahe den Boden. Um dem Weihrauchfass nach und nach die notwendige Energie zu geben, verkürzen die Männer das Seil durch Ziehen beim Durchgang durch den Tiefpunkt etwas nach oben, und lassen es bei der maximalen Auslenkung an den Wendepunkten wieder um die gleiche Strecke los, wodurch die tatsächliche Bewegung von einer Kreisbahn geringfügig abweicht und zu einer Elipsenflanke wird. 
Das Seil mit den 8 dünneren geknüpften Seilen (zur besseren Handhabung) wird nach dem Aufziehen des Kessels zurück in die Kuppel, an einer der Säulen der Vierung (Rechts vor dem Hochaltar) vertäut. 



Safe the Date

Da die Botafumeiro-Zeremonie selbst, wie auch die Wartung des Kessels und der Mechanik an der Aufhängung kostspielig sind, ist eine Verwendung des Kessels derzeit nur an sieben hohen Feiertagen im Jahr vorgesehen:

am 6. Jänner Epiphanie (Dreikönigsfest)
am Ostersonntag (Christi Auferstehungstag)
am 23. Mai dem Fest der Apostelerscheinung bei der Schlacht von Clavijo
am Pfingstsonntag
am 25. Juli dem Jakobustag (Martyrium Jakobus s. Ä.)
am 15. August Assumptio Beatae Mariae Virginis (Maria Himmelfahrt)
am 1.November Allerheiligen
am letzten Sonntag vor dem Advent - dem Christkönigstag 
am 8. Dezember Mariaempfängnis
am 25. Dezember Christtag (1. Weihnachtsfeiertag)
am 30. Dezember, dem 2. Jakobus-Feiertag, anläßlich der Traslatio 
            (als Jakobus' Leichnahm gemäß der Legende an die galicische Küste gebracht wurde) 


In früherer Zeit wurde er in jeder Pilgermesse geschwungen, wie auch noch heute während eines heiligen Jahres.

An allen anderen Tagen, kann der Botafumeiro für Pilgermessen in der Kathedrale „gebucht“ werden. Anfragen hierfür richtet man an Kathedral-Verwaltung: botafumeiro(@)catedraldesantiago.es die Kosten dafür belaufen sich inzwischen auf >500€)

Die Quittung einer Botafumeiro-Spende 


Außer Betrieb

Anläßlich der aufwändigen Generalsanierung der Kathedrale in Vorbereitung auf das heilige Jahr 2021, dem ersten nach 11 Jahren, (wegen des Lockdowns während der Covid Pandemie vom Papst verlängert auf 2022) wurde die Aufhängung in der Kuppel ebenfalls renoviert. Dabei wurde eine Tafel mit „Gottes Auge“ aus dem letzten Jahrhundert entfernt und der originale Schlussstein der achteckigen Kuppel - eine romanische Blumenrossette  - wieder freigelegt.

Der Schlußstein in der Kuppel  versteckt unter "Gottes Auge" 
und freigelegt nach der letzten Renovierung 2020 
auch die Verdunklung der Fenster wurde rückgebaut.

Anm.:  Derzeit findet eine erneute Generalüberholung des Mechanismus durchgeführt, weswegen die Botafumeiero bis auf weiteres ausgesetzt wird. Inzwischen wurden auch die Pilgermessen dzt. in der Komunioskapelle (7:30 Uhr) und der Augustinerkirche (09:30, 12:00, und 19:30 Uhr) in Santiago de Compostela gelesen.

Den aktuellen Status der Pilgermessen und des Botafumeiro findet man auf der Website der Kathedrale.

In den beinahe 1000 Jahren der Verwendung des großen Räucherkessels kam es nur einige wenige Male zu Zwischenfällen: 1499 stürzte in Anwesenheit der Königin Katherina von Aragon, der ersten Frau Heinrich VIII von England, das Weihrauchfass durch die Fenster der Südseite auf die Plaza de las Platerias.  

Im Jahr 1610 beschreibt der Pilger Diego de Guzmán in seinem Tagebuch, dass der Wehrauchkessel im Flug „gegen die hohen Gewölbe schlug“. 
Es kam auch vor, dass das Seil der Aufhängung aus der Verankerung geriet.
1622, 1925 und 1937 gab es ebenfalls Unfälle, es wurden jedoch nie Besucher verletzt oder gar getötet. Moderne Sicherheitsvorschriften sehen zudem ein Freibleiben eines Teils des Prebisteriums vor.

Es kursiert ein Gerücht aus neuerer Zeit, dass ein Schelm einmal gewisse Kräuter zum Weihrauch gemischt hatte und die Pilger danach sprichwörtlich „high“ waren.

Bis heute gehört die Zeremonie zum Highlight der Ankunft in Santiago de Compostela und wird in fast allen Pilgerberichten beeindruckt erwähnt. 



Ich kam sah und weinte

Ich hatte das Glück dieser Zeremonie zwei mal zu erleben. Direkt nach meiner Ankunft, am 27.10.2023 in der 12 Uhr Pilgermesse war eine große Schülergruppe, die ein Stück des Weges gepilgert war, die den Botafumeiro „spendierte“ zum Ende des Hochamts. Bei mir kullerten ein paar Tränchen der Rührung ob dieses glorreichen Willkommengeschenks.
Geplant hatte ich meinen Jakobsweg so, dass ich am 1.11.2023, dem Allerheiligentag in Santiago wäre, damit ich das Spektakel jedenfalls sehen könnte. Also sah ich ihn nach meinem Ausflug nach Finisterre und Muxia tatsächlich noch einmal, diesmal im Rahmen der Prozession am Beginn der Festtagsmesse.
Für mich steht der Botafumeiro für das Ankommen, die Vollendung des Jakobswegs und einen sehr besonderen - einmaligen - Augenblick in meinem Leben. Selbstverständlich habe ich mir auch eine kleine Replik als Souvenir mitgebracht. Er hängt in meinem kleinen „Schrein“ an der Jakobsweg „Ruhmeswand“ (im Vorzimmer) neben der Compostela-Urkunde und dem reich bestempelten Pilgerpass. Zu Weihnachten hänge ich ihn auf den Christbaum neben all die anderen Ornamente, die ich von meinen Reisen mitgebracht habe. Zur Erinnerung an das Abenteuer meines Lebens, meine Heldenreise. Ultreya!


Fun Fact: Der Botafumeiero war auf den spanischen 5-Peseten Münzen des Jahres 1993 abgebildet. Auf den derzeitigen spanischen €-Centmünzen (10, 20 und 50 Cent)ist die Kathedrale von Santiago de Compostela abgebildet. In der Rest-Münzen Sammlung meiner Eltern hatte ich eine solche Münze gefunden, ein „Zeichen“.


v. l. n. r. 5 €cent Spanien aktuell, 
5 Pesetas aus dem hl. Jahr 1993 (Vorder- und Rückseite)

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